Artikel 09./10.2010

Liebe Geschwister, liebe Freunde!

Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn; denn wenn‘s ihr wohl geht, so geht‘s auch euch wohl. Diese Worte schrieb vor etwa 2500 Jahren der Prophet Jeremia. Eigentlich sollte man diese Worte Jeremias besser so wiedergeben: „Suchet das Wohl der Stadt, suchet ein Leben in Gerechtigkeit und Frieden für die Stadt“, denn im hebräischen Text steht hier das Wort Schalom, mit dem ein Leben in umfassender Gerechtigkeit gemeint ist. Dieser Schalom ist fürwahr - wie Luther übersetzt hat - das Beste, was man einer Stadt wünschen kann.

Jeremia schrieb diese Worte an die Weggeführten in Babel in einer Situation, in der jüdischer Glaube in allergrößter Gefahr war, in der Fremde eines großen Landes in Bedeutungslosigkeit zu versinken. Und mit diesen Worten machte Jeremia seinen Schwestern und Brüdern im Glauben Mut, sich auf die Situation eines Lebens in der Verbannung einzulassen. Nicht Abgrenzung von der feindlichen Außenwelt forderte er, sondern ein konsequentes Sich-Einlassen auf dieselbe - wohl wissend, dass das Wohlergehen der kleinen jüdischen Glaubensgemeinde in einem untrennbaren Zusammenhang mit dem Wohlergehen ihrer heidnischen Umwelt steht.

„Suchet den Schalom der Stadt“ - das sind nicht nur prophetische Worte einer längst vergangenen Zeit. Diese Worte sind zugleich so etwas wie ein Programm für das heutige Leben unserer Gemeinde. Besonders in einer Stadt, die sich wie keine andere durch die Buntheit einer multi- und interkulturellen Situation auszeichnet.

„Suchet den Schalom der Stadt“ - das geht nicht, wenn wir uns als Gemeinde nur mit uns selbst beschäftigen. Solch eine Selbstbeschäftigung ist äußerst gefährlich, weil sie dazu beiträgt, dass wir immer weiter aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit schwinden. Stattdessen müssen wir immer wieder in die Öffentlichkeit, um in ihr präsent zu sein mit unseren Angeboten, mit unseren Hilfestellungen. Mit dem ständigen Weg in die Öffentlichkeit leisten wir unserer Umgebung einen wichtigen Friedensdienst, suchen wir den Schalom der Stadt.

„Suchet den Schalom der Stadt“ - das geht nicht, wenn wir Berührungsängste gegenüber jenem entwickelt, was uns fremd ist, sei es nun die Vielfalt des religiösen Lebens in unserer Stadt, sei es nun das Schicksal der vielen Gestrandeten und derer, die mit dem Tempo dieser Stadt nicht mithalten können.

Gemeinde ist nur Gemeinde Jesu Christi, wenn sie sich ohne alle Berührungsängste auf Fremdes und Fremde einlässt und nicht immer ängstlich fragt, ob sie bei solchen Berührungen etwa das ihr Eigene verlieren könnte. Das uns Eigene ist doch das uns von Gott in Jesus Christus Zugesagte und Geschenkte. Und wir haben es empfangen, um es nicht für uns zu behalten, sondern in dieser Welt zu bewähren.

Nicht die Berührung mit dem Fremden raubt den Gemeinden ihre Ausstrahlung sondern das ängstliche Verkriechen hinter den eigenen Mauern. Eine Gemeinde, die sich auf Fremdes einlässt, leistet für ihre Umgebung einen wichtigen Friedensdienst, sucht den Schalom für sie.

Diese Einmischung entwickelt aber ihre Kraft nicht aus sich selbst heraus, sondern aus dem Gebet zu Gott, dem Herrn der Gemeinde. „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn“, so hat Jeremia an seine Glaubensgeschwister geschrieben. Das Gebet für die Stadt, ist Kraftquelle jeder Aufgabe an unseren Mitmenschen. Wo wir für einen Menschen beten, da kommt uns dieser Mensch nahe. In der Fürbitte rücken Menschen zusammen. In der Fürbitte werden Grenzen niedergerissen. In der Fürbitte werden wir geöffnet für den Menschen, für den wir beten. Weil Gott das Heil für alle Welt will, deshalb ist unsre Fürbitte für alle die angemessene Antwort auf Gottes Tun.

Wir wollen wieder in unserer Umgebung präsent sein. Das kommende Nachbarschaftsfest in der Siedlung ist ein Anfang dazu. Weitere Möglichkeiten wird Gott uns schenken.

Lasst uns für unsere Umgebung und die Menschen darin beten und so das Beste, nämlich Gottes Shalom, für sie suchen.

Euer Unterschrift Detlef